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Russische Landschildkröten

Der Plan: wir wünschen uns eine Landschildkröte

 

 

   Übersicht:   9 Monate altes Baby der Griechischen Landschildkröte; Westrasse (Testudo hermanni hermanni)
Welche Art?
Wieviele Tiere?
ab welcher Größe?
Voraussetzungen
andere Haustiere
Kinder
Urlaub
Kosten
Reptilien-Tierarzt
Buch-Tipps

 

Allem voran: Bitte bedenken Sie eines: Mit dem Kauf einer Landschildkröte entscheiden Sie sich dafür, dass ein wechselwarmes Reptil für die nächsten Jahrzehnte ihr Leben begleitet. Eine gut gepflegte Schildkröte kann gut und gerne 80 - 100 Jahre alt werden! Im Zoo von Kairo gibt es eine Maurische Landschildkröte, die bereits nachweislich über 153 Jahre alt ist!
Deshalb sollten Sie sich die Anschaffung gut überlegen und sich auf ein solches hochspezialisiertes Lebewesen sehr gut vorbereiten, damit Sie möglichst lange Freude an dem Tier haben und sich Tierarztbesuche vermeiden lassen.

Welche Überlegungen und Voraussetzungen sind für die Haltung einer Landschildkröte überhaupt notwendig?

1. Welche Art will ich mir anschaffen?
Für Einsteiger in die Schildkrötenhaltung ist wohl eine der europäischen Arten immer noch am besten geeignet. Der Einwand, daß die Tiere die bei vielen Interessenten so gefürchtete Winterruhe halten, ist meines Erachtens kein wirkliches Argument gegen die Haltung einer europäischen Schildkrötenart, wie z. B. der Russischen oder Maurischen Landschildkröte oder einer Breitrandschildkröte. Es sind im Grunde die Schildkröten, die kleine Pflegefehler noch am ehesten wegstecken können, was gerade einem unerfahrenen Anfänger sehr entgegen kommt. Die farblich und von der Größe (oder der Kleinheit) her oft attraktiveren tropischen Landschildkrötenarten, wie z. B. Pyxis arachnoides (Spinnenschildkröte), Geochelone (Asterochelys) radiata (Strahlenschildkröte) oder die Geochelone elegans (Sternschildkröte) sind als afrikanische oder asiatische Arten zwar nicht auf eine klassische "Winterruhe" angewiesen, dafür halten sie häufig eine Trockenruhe, die letztenendes einer Winterruhe gleichkommt. Die tropischen Arten haben zudem durch ihr völlig anderes Klima eine technisch viel aufwendigere Terrarienhaltung nötig und sie sind von ihrem Grundwesen her weitaus sensiblere Landschildkröten als die europäischen Arten. Ihr Anschaffungspreis liegt deshalb bei 400 Euro aufwärts bis an die 1200 Euro! Ein Einsteiger in die Schildkrötenhaltung ist daher mit einer der europäischen Arten immer noch am besten beraten.

2. Wieviele Tiere soll man kaufen?
Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Europäische Landschildkröten sind keine Herdentiere, sondern eher Einzelgänger. Ich würde sie als "Lonesome Rider mit zeitweisem Artgenossen-Kontakt" bezeichnen. Das bedeutet, daß sie durchaus alleine leben können, ohne Schaden davon zu tragen, artgerechte Haltung mit viel Platz vorrausgesetzt. Da sie sich aber auch in der Natur zeitweise an bestimmten Orten treffen, wenn es gerade in einem bestimmten Gebiet besonders leckere Futtervorkommen, Wasserstellen, ausgesucht ideale Sonnenplätze oder besonders geeignete Versteck- oder Eiablageplätze gibt, ist es auch möglich, mehrere Schildkröten der gleichen Art bei sehr großzügigem Platzangebot (= 50 qm und mehr!) gemeinsam zu halten. Bei mehreren Tieren gibt es für uns viel mehr zu sehen und beobachten. Es ist jedoch sehr gut zu beachten und zu beobachten, ob die Schildkröten sich tatsächlich vertragen! Diese gemeinsame Haltung ist nur bei sehr jungen Tieren oder bei manchen reinen Weibchengruppen gefahrlos möglich! Man muß sich also darüber im Klaren sein, daß man die Schildkröten später (= ab Erreichen der Geschlechtsreife, u. U. auch schon früher) trennen können muß, also entsprechend mehr Platz und für jedes Tier eigenes Zubehör benötigt.

Hier beginnt es nun aber schwierig zu werden: Heutzutage werden zwar wieder viele Landschildkröten verkauft, jedoch ist man noch nicht so recht hinter das Geheimnis gekommen, wie man am besten viele Weibchen ausbrütet; es werden also verhältnismäßig viele Männchen angeboten. Gerade "Männchen-Gruppen" von 2 bis 5 Tieren vertragen sich jedoch meistens ausgesprochen schlecht. Da man den Jungtieren bis zu einem Gewicht von rund 300 g das Geschlecht aber noch nicht sicher ansehen kann, ist das Risiko, daß man bei kleinen Tieren mehrere Männchen "erwischt", relativ groß. Man wäre also, spätestens wenn die Tiere beginnen geschlechtsreif zu werden (spätestens mit rund 5 - 7 Jahren), gezwungen sie zu trennen. Das bedeutet natürlich auch, daß man sämtliche Zubehörteile incl. Terrarium, Beleuchtung und Freigehege 2- oder 3- bis 5-fach benötigt. Man sollte sich also sehr gut überlegen, ob man dies später für den Fall des Falles vom Platzangebot her und auch aus finanziellen Gründen realisieren kann. Meiner Meinung nach gibt es hier nur zwei vernünftige Lösungen: Wenn man für eine Schildkröte nicht so viel Geld ausgeben will/kann, dann kauft man am besten ein kleines Jungtier mit einem Alter von rund einem dreiviertel bis einem Jahr (100,-- bis 200,-- Euro) nach seiner ersten Winterruhe. Kennt man später das Geschlecht dieses Tieres und ist es tatsächlich ein Weibchen, kauft man sich nach und nach noch einige Weibchen dazu. Kann und will man gleich mehr investieren (ca. 300,-- bis 400,-- Euro pro Schildkröte), dann kann man natürlich größere Tiere kaufen, wo man das Geschlecht schon bestimmen kann (min. 300 g Gewicht!). Hier empfielt sich dann, sich gleich 2 - 4 etwa gleichaltrige Weibchen zuzulegen, damit die Gruppe von vornherein möglichst harmonisch ist und sich leicht zusammenfügt. Möchte man später züchten, dann sucht man sich günstigerweise Tiere von verschiedenen Züchtern aus, damit man von vornherein unterschiedliche Blutlinien hat. Ein Männchen sollte man aber generell nur zeitweise zu den Weibchen setzen (während der Paarungszeit im Frühjahr), damit die Weibchen nicht ständig den meist übereifrigen Paarungsversuchen des Männchens ausgesetzt sind. Das wäre für sie und auch für das Männchen nämlich viel zu stressig. Dies erfordert für das Männchen natürlich auch ein separates Gartengehege und Terrarium für die Übergangszeit im Herbst und im Frühjahr.

Bedenken Sie: Schildkröten werden sehr alt, es weiß also keiner von uns, wo die Tiere einmal gehalten werden, wenn vielleicht Ihre Kinder die Tiere später nicht übernehmen wollen. Die Lösung mit mehreren Weibchen scheint mir persönlich die beste zu sein, gestaltet sich aber derzeit am schwierigsten, weil leider viel zu wenige Weibchen angeboten werden. Ansonsten ist es natürlich auch kein Problem eine Steppenschildkröte einzeln zu halten, da sie als Einzelgänger nicht zwingend einen Partner braucht.

3. Wie groß sollte eine Schildkröte beim Kauf sein?
Mein gutgemeinter Rat: Lassen Sie sich nirgendwo, weder bei einem (scheinbar noch so erfahrenen) Züchter, noch in einem Geschäft ein Jungtier unter einem Alter von einem dreiviertel Jahr auf's Auge drücken! Die Schildkröte sollte wenigstens die erste Winterruhe schon gut überstanden haben (ja, auch kleine Schildkröten sollten schon eingewintert werden!), andernfalls tragen Sie das Risiko ganz alleine, wenn Sie ein "Mickerle" erwischen, das beim Züchter normalerweise die erste Winterruhe nicht überlebt hätte! Mit einem etwas älteren Tier haben Sie außerdem ein viel stabileres Tier zu Hause, mit dem Sie sich bei der Pflege schon wesentlich leichter tun. So süß solche ganz superkleinen Tiere auch wirken mögen: Wie alle "Babies" sind sie auch superempfindlich. Pflegefehler wirken sich bei ihnen sehr schnell aus und als Laie erkennen Sie meist zu spät, was mit dem Tierchen los ist.
Wenn Sie auf "Nr. Sicher" gehen wollen, dann legen Sie sich sogar besser ein Tier mit einem Alter von 2 - 4 Jahren zu.

4. Welche Voraussetzungen benötigt eine Schildkröte?
Zu allererst frage ich meine Schildkröteninteressenten immer nach einem Garten. Keine der europäischen Arten läßt sich längerfristig gesund erhalten, wenn sie nur im Terrarium gehalten wird. Erzählt Ihnen hier jemand etwas anderes, dann unterstelle ich in so einem Fall reines Verkaufsinteresse oder naive Unwissenheit. Jede dieser Schildkrötenarten profitiert von der ungefilterten Sonne (Wärme, UV-Strahlen), den Temperaturschwankungen von Tag zu Nacht im Freien, dem natürlich gewachsenen Untergrund (Gartenboden) und den draußen frisch abgerupften Wiesenpflanzen, die sie dort im Sommer den Tag über fressen. Alle europäischen Landschildkröten, die ich kenne, sind ab einem Alter von 5 -6 Jahren regelmäßige Gäste beim Tierarzt, wenn sie nur ein Terrarium, aber kein Gartengehege zur Verfügung haben! Es gibt gute Lampen, es gibt große Terrarien und es gibt jede Menge aufwendiges Terrarienzubehör. Nichts von allem kann einen Freilandaufenthalt an der natürlichen Sonne ersetzen. Vor der echten Sonne verneigt sich jeder noch so gute Strahler mit Würde! Wenn Sie also keinen Garten zur Verfügung haben, dann sehen Sie bitte besser von der Anschaffung einer Europäischen Landschildkröte ab. Wenn Sie jetzt an die Haltung auf einem Balkon denken, dann berücksichtigen Sie, daß der Balkon eine sonnige Lage und mindestens eine Grundfläche von 10 qm haben müsste, damit auch ein etwas größeres Tier noch genügend Auslauf hat. Ebenso eine Dachterrasse und natürlich ein Gartengehege. Im Übrigen sollte im Garten möglich sein, ein fest angelegtes Gehege mit einer stabilen und nicht überkletterbaren Einfriedung in sonnigster Lage zu haben, denn einfacher Maschendraht oder ein anderes Gitter oder einfache Bretter laden die Schildkröten allenfalls zum Überklettern ein, schützen aber nicht vor dem Davonlaufen. Mehr lesen Sie darüber unter dem Menüpunkt "Freilandhaltung".

Desweiteren sollte Ihre Überlegung dahin gehen, ob Sie auch im Wohnraum ein großes Terrarium für die kalte Übergangszeit zwischen Sommerhaltung im Garten und der Winterruhe einrichten können. Selbst für kleine Jungtiere ist mindestens ein Behälter von 100 x 60 cm, besser größer, notwendig. Die Schildkröten wachsen und benötigen bald noch größere Terrarien. Für ein halbwüchsiges Tier würde ich schon eine Mindestfläche von 2 x 1 Meter veranschlagen, damit es sich wirklich wohl fühlt. Überlegen Sie sich bitte gut, ob und wo Sie später so einen Behälter mit möglichst viel Tageslichteinfall aufstellen können!

Die Futterbeschaffung ist gar nicht immer so einfach, wie sich das manche Schildkrötenhalter in spé vorstellen. Die Landschildkröten sind reine Vegetarier, die für eine artgerechte Ernährung am besten frisches Wiesenfutter bekommen sollten. Nur Salate oder Obst und Gemüse und noch viel mehr die im Handel oft angebotenen Fertigfuttermittel für Schildkröten machen sie auf Dauer krank und zu Dauer-Tierarztkandidaten! Haben Sie in Ihrer unmittelbaren Umgebung nicht wenigstens von Frühjahr bis Herbst die Möglichkeit täglich frisches Wiesenfutter pflücken zu können, dann verzichten Sie besser auf die Anschaffung einer Landschildkröte, egal welcher Art. Sehen Sie dazu auch den Menüpunkt "Ernährung".

5. Andere, schon vorhandene Haustiere können u. U. ein Gegenargument für die Schildkrötenhaltung darstellen. Hunde, vor allem Jagdhundrassen (Dackel, Spaniel, alle Terrier), haben einen sehr guten Jagdinstinkt, der früher oder später mit Sicherheit einmal ein Problem für eine Schildkröte sein wird. Zu oft kommt es vor, daß der eigentlich immer brave "Waldi" sich irgendwann einmal doch an der Haus- und Hofschildkröte vergreift und sie als Kauknochen missbraucht! Wenn die Schildkröte dies überlebt, dann sind die gigantische Tierarztrechnung und u. U. eine lebenslange Versorgung der Folgen sicher! Katzen können als Jäger den Schildkröten ebenfalls mit ihren Krallen gefährlich werden. Andere Haustiere, wie Nagetiere (z. B. Hasen, Meerschweinchen) können keinesfalls mit einer Schildkröte zusammen gehalten werden, auch wenn sie ebenfalls in einem Gartengehege sein können. Die Gefahr, daß die knabberfreudigen Tiere die Schildkröte annagen, ist zu groß.

6. Wenn im Haushalt Kinder vorhanden sind, dann sollten diese nicht zu klein sein. Kinder unter ca. 14 Jahren können eine Schildkröte nicht selbständig versorgen, unter 6 Jahren werden sie zudem wegen des ihrem noch wenig ausgebildeten Feingefühl in den Händen mit dem Tier zu unsanft umgehen. Schildkröten sind hochspezialisierte Reptilien und können kein Streicheltier ersetzen. Es sind hochsensible Tiere, die auch einfach wegen Stress krank werden können! Deshalb sind sie am besten dort aufgehoben, wo sie gerne beobachtet und nicht dauernd angefasst werden.

7. Für die Urlaubszeit müssten Sie sich dann noch gut überlegen, wer die Schildkröte für diese Zeit versorgt. Das sollte natürlich eine Person übernehmen, die sich mit Schildkröten etwas auskennt und die zuverlässig genug ist, damit Sie Ihre Kleinen nachher unversehrt wieder vorfinden. In manchen Fällen kann das durchaus ein Problem sein. Die Möglichkeit, die Schildkröte in den Urlaub mitzunehmen, scheidet zum einen wegen der Artenschutzgesetze, zum anderen aber vor allem wegen der Stressanfälligkeit und der großen Ortstreue der Schildkröten aus. Für Ihre Schildkröte wäre so eine Urlaubsreise alles andere als eine Erholung, ganz im Gegenteil.

8. Last but not least ist eine gute und artgerechte Schildkrötenhaltung durchaus auch ein Kostenfaktor! Bis Sie eine artgerechte Ausstattung zusammen haben, ein solides Gartengehege mit Frühbeetkasten und Wärmestrahler für kalte Nächte angelegt und ein Überwinterungskühlschrank angeschafft ist, müssen Sie mitsamt der Schildkröte gut und gerne an die 700,-- bis 1600,-- Euro veranschlagen. Wenn Ihnen diese Summe viel zu hoch erscheint, dann verzichten Sie bitte auf die Schildkrötenhaltung, denn in ihr sind die laufenden Kosten (regelmäßige Kotprobenkontrollen und ein Winterruhecheck bei einem schildkrötenerfahrenen Tierarzt noch nicht miteingerechnet! Siehe dazu auch: Erstausstattung

9. Der Reptilien-Tierarzt: Ein weiteres Problem kann es werden, wenn Sie in Ihrer näheren Umgebung, und damit meine ich eine Fahrtstrecke von bis zu 150 km einfach, keinen schildkrötenerfahrenen Tierarzt haben, der für die jährliche Routinekontrolle und im Fall des Falles das Tier fachgerecht untersuchen und behandeln kann. Ein üblicher Kleintier-Tierarzt ist mangels Ausbildung und Erfahrung mit Reptilien leider meist überfordert. Fehlbehandlungen sind dann leider sehr häufig vorprogrammiert!

Hier noch einige Literatur-Tipps zum Weiterschmökern.
 
 

Die Homepage wurde zuletzt aktualisiert am 29.12.2017    © E. K.